Wahrzeichen

WASSERSCHLOSS - Vom "festen Haus zu Prunn" zum Wasserschloß Kottingbrunn

Gräberfunde aus der Zeit der Kelten (3 Jh. v.Chr.) und der Völkerwanderung (4.Jh.n.Chr.) beweisen, daß Kottingbrunn ein uraltes Siedlungsgebiet ist.

Die Stiftung des "festen Hauses zu Prunn" durch die Babenberger dürfte spätestens Anfang der 2.Hälfte des 11.Jh. erfolgt sein. Die erste schriftliche Erwähnung von "Prunn" erfolgte im Jahr 1114 (Besitzer "Anselmus des Prunne").

Die Wasserburg Kottingbrunn, in seinen Anfängen ein Holzbau, wurde genau dort errichtet, wo der Schotterrücken des Lindenberges in der Ebene endet und das Grundwasser in zahlreichen Quellen zutage tritt. So war es Belagerern nicht möglich, der Wehranlage das schützende Wasser abzugraben.

1146 zerstörten die eingefallenen Ungarn unter König Geza II die Holzburg. Um das Jahr 1150 wurde die Festung als Mauerburg wiedererrichtet. Im Jahre 1291 oder 1295, beim Aufstand des österreichischen Adels gegen Herzog Albrecht vom Habsburger, wurde die Burg neuerlich schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Mit dem Kauf der Burg durch Ulrich und Wentel Stuchse wurde der Besitz beträchtlich vergrößert.

1355 wurde Kottingbrunn zur selbständigen Pfarre.

Im Kriege Kaiser Friedrich III. gegen den Ungarkönig Mathius Corvinus (1477-1485), wurde der Ort und die Wasserburg zerstört. 1508 konnte der Wiederaufbau der Burg abgeschlossen werden. Die schwer befestigte und gut ausgerüstete Wasserburg widerstand dem Türkensturm im Jahr 1529.

Graf Franz Sigmund von Lamberg erkannte 1683, daß er die Burg nicht gegen den neuerlichen Türkenansturm halten konnte und zog sich mit dem größten Teil der Bevölkerung zurück. Die Burg wurde von den Türken niedergebrannt, die Verluste an Menschen aber war gering. Anstelle der zerstörten Festung wurde von ihm ein repräsentativer Herrensitz in Form eines Jagdschlosses errichtet.

1894 hat der Jockey-Club Schloß und Gut Kottingbrunn erworben und eine Pferderennbahn errichtet. 1915 fiel die Kaisertribüne - ein Holzbau - bei Spenglerarbeiten einem Brand zum Opfer. An einen Wiederaufbau inmitten der Kriegswirren war nicht zu denken und nach dem Krieg bestand an einer weiteren großen Rennbahn neben der Freudenau kein Bedarf.

1981 wurde das Schloß von der Familie Jezek erworben und in liebevoller Kleinarbeit restauriert.

Am 4. September 1991 beschloß der Gemeinde den Ankauf des Wasserschlosses. 1995 wird auch der Schneider Trakt erworben, das Schloß langsam saniert.


SCHLOSSKAPELLE

In der Zeit des Marktgrafen Adalbert (1018 - 1055) wurde die Wasserburg Brunn Mitte des 11. Jahrhunderts errichtet. Diese in Holzbauweise erbaute Festung wurde nach der Schlacht an der Fischa, im Jahre 1146 von den Ungarn zerstört. Ob bereits damals in dem Holzbauwerk eine Kapelle vorhanden war, ist nicht bekannt. Herzog Heinrich II. ließ die Burg um das Jahr 1150 als Massivbau wieder errichten, wobei an der Südseite dieses Neubaues eine dem Hl. Nikolaus geweihte Kapelle eingerichtet wurde. Die Burg wurde in den Jahren 1291 und 1295 bei der Revolte des österreichischen Adels gegen den Herzog Albrecht I. von den Habsburgern zerstört.

Im Jahre 1327 kauften die Brüder Ulrich und Gaitmar - die Stuchse von Bruck - die Wasserburg um 181 Pfund "Wiener Pfennige". Unter ihrer Herrschaft wurde der Wirtschaftshof errichtet und eine neue Zufahrt geschaffen. So konnte die alte Zufahrt zum Hauptgebäude aufgelassen und zur Erweiterung des Haupthauses verbaut werden. Unter anderem wurde die bisher nach Osten orientierte Kapelle nach Süden wesentlich vergrößert und dazu eine Sakristei errichtet. Wann der Zubau errichtet wurde, blieb vorerst ein Rätsel. Erst als es im Zuge der Renovierung der Kapelle im Sommer 1997 gelungen ist, das stark beschädigte Wappen unter den Oratorienfenstern als jenes der Häusler zu erkennen, konnte nach dem genauen Studium der Familiengeschichte der Stuchse von Brunn und der Urkunden aus den Jahren 1355, 1356, 1357 und 1365 festgestellt werden, daß der Umbau im Jahre 1364 erfolgte. Warum in der Kapelle das Wappen der Häusler angebracht wurde, ist wie folgt zu erklären:

Ulrich, der Stuchs von Brunn hatte Wentel, die Häuslerin zur Frau genommen. Wentel stammte aus einem Rittergeschlecht, war aber sehr begütert. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Hans I und Machart II. Nach der Urkunde vom 8. Jänner 1355 waren Ulrich und sein Bruder Gaitmar damals bereits verstorben. Wentel und ihre beiden Söhne wurden in der Urkunde vom 6. Dezember 1355 als Besitzer von Brunn genannt.

Im Jahre 1356 ging Wentel eine Ehe mit Wolfger den Bayer ein. Wolfger muß aber schon zu Beginn des Jahres 1357 gestorben sein, denn in den Urkunden vom August und 11. November 1357 wird Hans I. als Herr von Brunn bezeichnet. Dem zur Folge muß auch damals sein Bruder Machart II. bereits tot gewesen sein. Die Urkunde vom 21. Januar 1365 besagt, daß Wentel die alleinige Besitzerin von Brunn war. Der Tod ihres Sohnes Hans I. wird im Stammbaum der Stuchse im Jahre 1364 angegeben. In der Urkunde vom 21. Januar 1365 wird als Pfarrer in Brunn ein "Herr Paul" genannt. In diesem Dokument stiftet Wentel für die Pfarrkirche ein ewiges Licht und einen "Jahrtag nach Martini". An diesem Tag soll in der Kirche eine hl. Messe gelesen werden. In einer weiteren Urkunde aus 1365 stiftet sie hundert Messen, die in der Schloßkapelle gelesen werden sollten, und zwar jedes Jahr eine, am Tag des Hl. Nikolaus. Folglich muß der Umbau der Kapelle im Jänner dieses Jahres bereits abgeschlossen worden sein, und da alle ihre Angehörigen nicht mehr lebten, blieb ihr gar keine andere Wahl als ihr altes Familienwappen - das der Häusler - nach dem Umbau in der Kapelle anzubringen. Bezahlt hat sie die Arbeiten aus ihrer Mitgift zu ihrer Ehe mit Ulrich IV.

Alle weiteren Wappenbilder in der Kapelle sind Allianzwappen von Familien, die zur wesentlichen Erhaltung und Gestaltung dieses Bauwerkes beigetragen haben. Auf der linken Seite unterhalb des Fensters befindet sich das Wappen der Kienburger und Kreuzer. Gandolf von Kienburg und seine Frau Cordula Kreuzerin haben die Burg und die Kapelle nach der Zerstörung durch die Ungarn in den Jahren 1508 und 1509 wieder aufgebaut.

Das Bild über dem Eingang zur Sakristei zeigt das Wappen des Grafen Hans Franz von Lamberg und seiner Gemahlin Maria Konstantia von Questenberg mit der Inschrift "Renoviert 1665". Im Jahre 1661 kaufte Hans Franz von Lamberg Kottingbrunn, die Geldgeberin dazu war seine Gemahlin, die Gräfin von Questenberg. Schließlich befindet sich am Hochaltar das Allianzwappen des Grafen Leopold Josef von Lamberg und seiner Gemahlin der Gräfin Katharina Eleonora von Sprinzenstein mit der Jahrezahl 1690. Auch die Figuren beiderseits des Hochaltars zeigen das Grafenpaar, das nach dem Türkenkrieg von 1683 Schloß und Kapelle wieder aufgebaut und den Hochaltar errichtet hat. Oberhalb des Hochaltars befindet sich eine Statue des Hl. Nikolaus. Leopold Josef war von 1700 bis 1705 Gesandter in Rom. In dieser Zeit hat Katharina Eleonora den Wiederaufbau vollendet. Durch die Ansiedelung von Keramikern aus ihrer oberösterreichischen Heimat (Familie Wintersperger) und aus Mähren hat sie die durch den Türkenkrieg schwer verwüsteten Keramikwerkstätten in Wagram wieder in Schwung gebracht. Sie war nach Wentel Stuchs die zweite bedeutende Frau unserer Ortsgeschichte.

Nach dem zweiten Weltkrieg diente die Kapelle als Hühnerstall. Heinrich Jezek blieb es vorbehalten, Schloß und Kapelle vor dem endgültigen Verfall zu retten. Als die Gemeinde 1991 das Hauptgebäude erworben hat, war man zunächst der Meinung zusätzlich zur Restauration auch die Kapelle vermieten zu müssen. Bald erkannte man aber, daß der Schaden an diesem Kulturgut und an den Prunkräumen des 1. Stockes weit größer war als der Nutzen aus der Vermietung. Schließlich wurde die Renovierung der Kapelle durch die Gemeinde unter Mithilfe einiger uneigennütziger Helfer zu einem guten vorläufigen Abschluß gebracht. Besonders hervorzuheben ist die Mitwirkung von Frau Eva Bonfert, die nicht nur das Altarbild und ein Deckengemälde geschaffen hat, sondern auch eine elektronische Orgel spendete. Das Altarbild zeigt die Hochzeit Mariens.


WIRTSCHAFTSHOF

Die Geschichte unseres Wasserschlosses reicht bis in die Babenbergerzeit - etwa Mitte des 11. Jahrhunderts - zurück. Der Wirtschaftshof ist erst in den Jahren 1330 - 1350 errichtet worden. Die beiden Brüder Ulrich und Gaitmar - die Stuchse von Bruck - kauften im Jahre 1327 die vom Habsburger, Herzog Albrecht fast zerstörte Wasserburg um 181 Pfund Wiener Pfennige. Die Brüder nannten sich ab nun Stuchse von Brunn. Ulrich heiratete eine Dame aus dem Ritterstand, Gaitmar blieb ledig.

Durch die Ehe Ulrichs mit der sehr reichen Wentel hatte er die Mittel, die desolate Burg wieder aufzubauen und den Grundbesitz wesentlich zu vergrößern. Zur Bearbeitung dieses riesigen Besitzes reichte das bisherige Personal nicht mehr. Zahlreiche Zuwanderer wurden angesiedelt und dadurch eine geschlossene Siedlung gebildet, die von der jetzigen Reimergasse bis zum Beginn der Roten Kreuz Straße reichte.

Der Gutsbetrieb erforderte aber nicht nur mehr Arbeitskräfte, sondern auch die Errichtung eines Wirtschaftshofes. Dieser wurde in quadratischer Form auf einer künstlichen Insel östlich der Burg errichtet, wobei alle Gebäude auf Holzpiloten fundiert wurden. Der Wassergraben zwischen dem alten Hauptgebäude und den neuen Zubauten blieb bestehen. Beide Teile wurden mit einer in steinbauweise errichteten Gewölbebrücke verbunden. Der ursprüngliche Zufahrtsweg an der Süd - und Ostseite des Hauptgebäudes wurde abgetragen und ein neuer Fahrweg durch eine Aufschüttung in der jetzigen Schloßgasse geschaffen. Die Zufahrt führte über eine Zugbrücke und durch den Torturm - den jetzigen Uhrturm - in den Wirtschaftshof. Zwischen vier starken Eckbastionen wurden Stallungen, Lagerschuppen, Verwaltungsgebäude und Wohnungen für die Bediensteten errichtet.

Ulrich hat durch diesen großzügigen Ausbau einen kasernenartigen Fluchtort geschaffen der den Burgen der näheren und weiteren Umgebung weit überlegen war und in Zeiten der Gefahr nicht nur die Bewohner von Kottingbrunn und den umliegenden Orten aufnehmen konnte, sondern auch für die Einlagerung von entsprechend großen Vorräten und Waffen bestens geeignet war. Kottingbrunn erhielt schon damals jenes Aussehen wie es uns der Stich von Georg Matthäus Vischer aus dem Jahre 1672 zeigt.

Ihre gute Funktion als Fluchtort hat die Festung im Jahre 1529 bewiesen, als sie dem damaligen Türkensturm trotzte. Ein weiteres Beispiel ist aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges bekannt: Im Jahre 1645 haben die Bewohner von Teesdorf ihren von kaiserlichen Truppen geplünderten Ort verlassen, um in unserer Wasserburg Schutz zu suchen. Sie wurden vom Grafen Andreas Wilhelm von Brandis aufgenommen.


UHRTURM

Als Ulrich und Gaitmar - die Stuchse von Brunn - in der ersten Hälfte des 14. Jh. zusätzlich zum Hauptgebäude den Wirtschaftshof erbauten, wurde eine neue Zufahrt zu der wesentlich vergrößerten Festung geschaffen. Ein Torturm mit einer Zugbrücke wurde errichtet. Bis zum Jahre 1683 erfüllte die Wasserburg ihre Funktion als Festung und Fluchtort.

Graf Franz Sigmund von Lamberg hat damals erkannt, daß er die Burg gegen die gewaltige Übermacht der Türken nicht halten konnte. Er hat sich mit dem Großteil der Bewohner von Kottingbrunn nach Ottenstein zurückgezogen. Ort und Burg wurden kampflos den Türken überlassen und von diesen zerstört. Die Kirche war schon 1669 durch einen Brand zerstört worden.
Nach dem Abzug der Türken wurde sofort mit dem Wiederaufbau begonnen. Anstelle einer Festung wurde ein repräsentativer Herrensitz in Form eines Jagdschlosses errichtet.

Franz Sigmund verkaufte 1688 um 40.000 Gulden Kottingbrunn an seinen Bruder Leopold Josef, der den Wiederaufbau zügig fortsetzte. Die Zugbrücke wurde durch eine Gewölbebrücke ersetzt und der Torturm zu einem Uhrturm umgebaut. Die Turmuhr - eine Pendeluhr - wurde, und wird auch heute noch, durch angehobene Gewichte angetrieben. Die Zeitangabe erfolgt auf zwei an der Ost- und Westseite des Turmes angebrachte Zifferblättern und durch Glockenschläge. Die große Glocke schlägt zur vollen Stunde und stammt aus dem Jahre 1694. Die kleine Glocke schlägt in höherer Tonlage die Viertelstunden. Sie hat offenbar die beschädigte Vorgängerin aus dem Jahre 1694 ersetzt, denn sie wurde im Jahre 1753 von Christof Packendorf gegossen. Bereits 1695 war der Uhrturm fertig gebaut.

Die Turmuhr bestimmte damals den Tagesablauf im Ort. Egal ob Werktags zur Arbeit oder an Sonntagen zum Kirchgang. Für die Bauern war es sehr wichtig, daß nach den Schlägen der Turmuhr die Uhrzeit durch das Läuten der Kirchenglocken verkündet wurde. Wohl gab es damals schon am Körper tragbare Uhren, denn das "Nürnberger Ei" war bereits im Jahre 1509 erfunden worden, doch kaum jemand konnte sich so eine Uhr leisten. Nach dem Schlag der Turmuhr um 6.00 Uhr morgens, um 12.00 Uhr mittags, sowie um 7.00 Uhr abends wurde mit der größten Kirchenglocke - der sogenannten 12-er Glocke - geläutet. Eine Stunde vor 12.00 Uhr, also um 11.00 Uhr läutete die nächstkleinere Glocke die eine höhere Tonlage hatte. Das 11.00 Uhr läuten sollte die Bauern auf den Feldern auf die kommende Mittagszeit aufmerksam machen. Die Feldarbeit wurde meist mit einem Ochsengespann verrichtet und da konnte die Vorbereitung zur Heimfahrt und die Fahrt zum Hof oft bis zu einer Stunde dauern. Noch in der Zwischenkriegszeit war das Läuten der Kirchenglocken zu den oben angeführten Zeiten üblich.

Nach 1945 war die Turmuhr stark beschädigt, 1991 hat sie Helmut Rabacher in Stand gesetzt und zu neuem Leben erweckt.

Im Zuge der Renovierung des Schlosses wurde der Uhrturm im Jahre 2001 generalsaniert.


PETER RITTER VON BOHR -Herr der Herrschaft Kottingbrunn von 1819 bis 1840

Am 30. Juni 1773 wurde Peter Ritter von Bohr im Dorfe Bredimus bei Luxemburg in Flandern als Sohn des Johann Bohr und dessen Frau Katharina geboren. Im Alter von sieben bis acht Jahren kam er zu seinem Onkel Karl, einem Bruder seiner Mutter, der nun seine Ausbildung und Erziehung übernahm. Der Onkel war Besitzer des Gutes Zollebern bei Luxemburg und nannte auch ein ansehnliches Vermögen sein Eigen. Er erkannte die künstlerischen Fähigkeiten seines Neffen und ließ ihn im Alter von 14 Jahren in Orwald in die dortige Zeichen- und Malschule eintreten. Durch die überdurchschnittlichen Fortschritte an dieser Schule bewogen, veranlaßte der Onkel seinen nunmehr 17jährigen Neffen, in Paris jene Akademien und Institute zu besuchen, die die künstlerische Ausbildung des jungen Bohr vollenden sollten.

In dieser Zeit begann die französische Revolution. Die Armee organisierte sich und die Zöglinge der Kunstschulen bildeten ein eigenes Künstlercorps, in das auch Peter von Bohr eintrat. Im Jahre 1793 wurde er als Leutnant zum 6. Artillerieregiment versetzt. Er machte den französischen Eroberungsfeldzug in Holland und 1795 den Rheinübergang bei Düsseldorf mit. Nach dem Rheinübergang wurde die Armee von allen nicht republikanischen Elementen gesäubert. Die Offiziersstellen seines Regimentes wurden mit Unteroffizieren besetzt. Alle Offiziere, die aus der Armee austreten wollten, konnten ihren Dienst quittieren. Bohr quittierte. Er wollte nach Wien, wo er hoffte, nicht nur viele Landsleute, sondern auch Verwandte zu finden.

In Frankfurt am Main befand sich damals das Hauptquartier des Erzherzogs Karl. Bohr erhielt dort einen Paß, der ihm freistellte, sich in jedem beliebigen Ort in Österreich niederzulassen. In Linz wurde ihm jedoch die Weiterreise nach Wien, unter dem Vorwand, daß dort schon zu viele Fremde seien, verwehrt. Der Feldzeugmeister Baron Beaulien, ein geborener Niederländer, hatte nach seinem Abgang aus Italien Mitte 1796 Linz zu seinem Aufenthaltsort gewählt. Er kannte die Familie Bohr und so fand Peter Bohr rasch Zutritt zu seinem Hause.

Als von Wien aus für das "große Aufgebot" auch Ausländer rekrutiert wurden, nahm der alte General Bohr in sein Regiment auf und machte ihn zu seinem Adjutanten. Bohr hatte wieder zu malen begonnen; seine erstklassige Porträtmalerei war sehr gefragt und daher vergrößerte sich rasch der Kreis seiner Bekannten und Gönner. So auch der Fürst von Oettingen-Wallenstein und der Fürst von Lamberg.

Noch als Soldat heiratete er Clara, die Tochter eines Linzer Zeichenlehrers. Seine Frau errichtete ein kleines Putzwarengeschäft, das bald vergrößert und erweitert wurde. Rasch wuchs der Wohlstand des jungen Paares und schon fünf Jahre nach der Hochzeit kaufte Bohr ein Haus in Linz. Bohr hatte in den Kriegsjahren 1805 und 1809 von französischen Kommandeuren, die für die Armee vorbereiteten Magazine um einen Bruchteil ihres Wertes erworben und verkaufte die Waren um das 6- bis 7fache der Gestehungskosten. Bohrs Vermögen gab Anlaß zu verschiedenen Gerüchten: er sei mit einer französischen Kriegskasse nach Linz gekommen oder er sein ein französischer Spion. Er hätte in seinem Haus ein Zimmer, in das nicht einmal seine Frau Zutritt hätte, usw.

Der Kriminalkommissär Max v. Felsenthal vermutete, daß Bohr schon damals Banknoten gefälscht hat. Diese Vermutung kann aus mehreren Gründen nicht stimmen: Bohr hatte in Linz noch nicht jene technischen Hilfsmittel zur Verfügung, die zur Herstellung guter Fälschungen unbedingt nötig waren. Erst in Wien hat er eine Guilochiermaschine gebaut, mit der die feinen Linien auf den Banknoten genau nachgemacht werden konnten. In Linz wäre es auch kaum möglich gewesen, das nötige Papier zu beschaffen oder herzustellen. Die Fototechnik war damals noch nicht so weit; erst 1826 wurden die ersten Lichtbilder auf Metallplatten hergestellt. Wenn Bohr in Linz Fälschungen herstellte, hat er nicht Geld, sondern Bilder gefälscht, eine Arbeit, die sicherlich weniger einbrachte, aber für einen Könner wie Bohr wesentlich sicherer war.

Max von Felsenthal hat in seinen Erhebungen erwähnt, daß Bohr öfter Reisen nach Frankreich und in seine Heimat unternommen hat, und von dort immer mit größeren Geldbeträgen zurückgekommen ist. Felsenthal hat aber offenbar übersehen, daß dieses Geld von den Besitzungen und dem Vermögen von Bohrs Onkel in Luxenburg stammen könnte, denn Bohr war sicherlich nicht der Mann, der auf das riesige Vermögen seines kinderlosen Onkels und Erziehers verzichtet hätte. Als ehemaliger Angehöriger der Revolutionsarmee hat er bestimmt Mittel und Wege gefunden, um an das Vermögen seines Onkels zu kommen. Es ist aber auch möglich, daß Bohr mit testamentarischen oder sonstigen Urkunden Gelder seines Onkels, die dieser in Banken angelegt hatte, beheben konnte. In machen Banken der Schweiz liegen ja heute noch Kapitalien aus der Zeit der französischen Revolution.

Im Jahr 1814 verkaufte er seinen Besitz in Linz und übersiedelte nach Wien. Seine Frau Clara, mit der er vier Söhne und eine Tochter hatte, verstarb im Jahr 1818.

1819 kaufte Bohr um 127.000 Gulden das Gut Kottingbrunn und um 94.000 Gulden ein Haus in Wien in der Leopoldstadt. Nach Vorlage der entsprechenden Dokumente aus Brüssel (Adelskammer und Magistrat) wurde seine adelige Herkunft von der kaiserlichen Hofkanzlei anerkannt. Der Herrschaftsbesitzer Peter von Bohr wurde in das Collegium des österreichischen Ritterstandes aufgenommen. Im Jahre 1820 gründeten seine Söhne Ludwig und Karl eine Bleiröhren- und Plattenfabrik in Kottingbrunn.

Am 5. August 1821 heiratete er die 27-jährige Gräfin Mathilde von Christallnik. diese zählte zu den schönsten und vornehmsten Damen des Reiches. Er setzte seiner Gemahlin ein jährliches Nadelgeld von 600 Gulden und ein Witwengehalt von 2000 Gulden aus.

Bohr hat im Jahre 1822 die Administration aller Güter des Fürsten Franz von Rosenberg in Kärnten übernommen und verlegte seinen Wohnsitz nach Klagenfurt. 1826 mußte Fürst von Rosenberg Konkurs anmelden. Die Güter Rosseg, Teuttendorf und Rosenbach, die Gewerkschaft Rosenbach und Alodialpalais wurden versteigert. Bohr erwarb die Besitzungen um 200.000 Gulden und wurde 1829 in die kärntnerische Landstandschaft aufgenommen. Noch im selben Jahr übersiedelte er nach Wien. Einige Jahre später verkaufte er die Güter um fast die gleiche Summe an den Fürsten Liechtenstein.

Die österreichische Aristokratie beteiligte sich damals sehr intensiv an industriellen, wirtschaftlichen und sonstigen gemeinnützigen Unternehmungen. So auch Peter von Bohr. Er war aber nicht nur ein großzügiger Gönner und Förderer junger Künstler und Wissenschaftler, sondern mit seinem technischen Wissen und Können arbeitete er auch selbst an den verschiedensten technischen Problemen. Oft investierte er dabei große Summen, doch da der Wert seines Schaffens nicht anerkannt wurde, war der wirtschaftliche Erfolg meist sehr gering. Er war seiner Zeit eben um 100 Jahre voraus. Sein erfolgreichstes Unternehmen war wohl die mit zwei Partnern vorgenommene Gründung der "Ersten Österreichischen Sparcassa", der er jahrelang als Kurator vorstand. Weiters war er Mitbegründer der Nationalbank, des Polytechnikums (Technische Hochschule), Erfinder der bereits erwähnten Guillochier-Maschine, Herausgeber des Prachtbandes "Österreichischer Ehrenspiegel" und Initiator und Mitbegründer der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft.

Bohr hatte nicht nur Eingang in die höchsten Kreise des österreichischen Adels gefunden, sondern war mit dem Fürsten Metternich eng befreundet, und war auch Vertrauter des Kaisers Franz I. Sowohl der Kaiser als auch Metternich waren oft Gäste bei Bohr im Schloß Kottingbrunn. Aufgrund seiner guten Beziehungen war es Bohr möglich, den Prinzen Montfort zu überreden, ein Dampfschiff bauen zu lassen. Das Dampfschiff mit dem Namen Franz I. wurde auf einer Werft bei Fischamend vom Franzosen Philipe de Girad gebaut. Bohr fuhr als technischer Direktor dieses Schiffes 27 Mal von Wien nach Pest und widerlegte damit die allgemeine Meinung, daß die Donau mit Dampfschiffen nicht zu befahren sei. Die Gründung der DDSG kostete Bohr viele Tausend Gulden, doch erst nach seinem Tode brachte das Unternehmen seinen Aktionären große Gewinne.

Bohr litt am Grauen Star und drohte zu erblinden. 1834 wurde er am rechten Auge von Prof. Dr. Anton Rosas operiert und die Sehkraft dieses Auges weitgehend wieder hergestellt.

Im Jahre 1826 wurde über das Vermögen des Grafen Rosenberg der Konkurs verhängt. Die Verhandlungen zogen sich über Jahre hin und brachten Bohr einen Verlust von 180.000 Gulden, eine Summe, die er damals nicht verkraften konnte. Bohr hatte dem Fürsten immer wieder große Vorschüsse überlassen und hat sich bei der Verwaltung der Güter offenbar so verspekuliert, daß er in den Konkurs hineingezogen wurde. Schließlich mußte er selbst am 13. Dezember 1839 den Konkurs über sein Vermögen anmelden.

Peter von Bohr war ein Mann, der sich auch einschränken und bescheiden leben konnte. Um seine Kinder brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Seine Tochter war mit dem Grafen von Wallis verheiratet und die beiden älteren Söhne hatten mit der Bleiröhrenfabrik in Kottingbrunn eine gesicherte Existenz. Die beiden jüngeren Söhne hatten den Kontakt zu ihrem Vater schon längst abgebrochen. Große Sorge hatte Bohr nur wegen seiner geliebten Frau, der er nun das gewohnte Leben in Luxus und Wohlstand nicht mehr bieten konnte. Nun dürfte Bohr den Entschluß gefaßt haben, seine künstlerischen Fähigkeiten zur Fälschung von Banknoten zu nützen.

Am 24. August 1845 wurden bei einer Revision in der Nationalbank falsche Geldscheine zu 10 und 100 Gulden entdeckt. Die Fälschungen waren derart gut, daß sie nur von den besten Fachleuten als solche erkannt werden konnten. Nur ein ganz großer Künstler, der mit der Handhabung der technischen Hilfsmittel bestens vertraut war, konnte der Hersteller dieser falschen Banknoten sein. Nach mühevollen Ermittlungen mußte der Kriminalkommissär Max von Felsenthal auch Peter von Bohr in den Kreis der Verdächtigen einbeziehen. Bald war der Kommissär der Überzeugung, daß nur Bohr der Hersteller des Falschgeldes sein konnte. Am 28. September 1845 übergab er den Bericht über seine Ermittlungen Hofrat v. Muth, der diese Akten an den Polizeipräsidenten Graf Sedlnitzky weiterleitete. Felsenthal begründete in seinem Schreiben seinen Verdacht gegen Bohr und verlangte zur raschen Klärung des Falles eine Hausdurchsuchung in Bohrs Wohnung in Meidling.

Bei der am 8. Oktober 1845 durchgeführten Hausdurchsuchung wurde zahlreiches Material, das zur Herstellung von Falschgeld verwendet werden konnte, sichergestellt. Bohr und seine Frau wurden verhaftet, obwohl beide ihre Unschuld beteuerten. Unter der drückenden Last der Beweise hat er dann doch zugeben müssen, daß die Fälschungen von ihm stammten, aber seine Frau davon nichts gewußt hätte. Trotz ihres Geständnisses, sehr wohl von den Fälschungen gewußt zu haben, versuchte er sie möglichst zu entlasten und alle Schuld auf sich zu nehmen.

Wie aber war es Bohr möglich, als schwer Sehbehinderter solche vollkommene Fälschungen herzustellen? Trotz der gelungenen Operation des rechten Auges hatte er auch auf diesem nicht wieder die volle Sehkraft erlangt. Doch das technische Genie Peter Bohr wußte sich zu helfen. Durch die Kombination mehrerer verschiedener Linsen schaffte er sich eine Lupe, die an Schärfe und Klarheit allen damals bekannten optischen Geräten weit überlegen war.

Bei der Nationalbank waren 102 Stück zu 10 und 208 Stück zu 100 Gulden an Falschgeld eingelaufen; in Summe betrug der Schaden 12.800 Gulden. Das Kriminalgericht glaubte Bohr nicht, daß er die Fälschungen ohne fremde Hilfe zustande gebrachte hätte und verlangte von ihm eine halbe Zehnguldennote und einige Wasserzeichen anzufertigen. Zur Ausführung dieser Arbeit benötigte er trotz Unterbrechung durch einige Krankentage nur drei Wochen. Peter von Bohr und seine Frau Mathilde wurden am 23. März 1846 zum Tode verurteilt. Durch ein Hofdekret vom 23. Juli 1846 wurden die Todesurteile in Kerkerstrafen umgewandelt. Er wurde zu zehn Jahren und seine Frau zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt. Bohr starb am 15. Oktober 1847 und wurde in seiner Gruft in Kottingbrunn beigesetzt. Am Begräbnis nahmen alle seine ehemaligen Untertanen teil, denn er war diesen immer ein gütiger Herr gewesen. Durch einen neuerlichen Gnadenakt des Kaisers Ferdinand des I. wurde Mathilde Bohr am 2. November 1847 aus dem Gefängnis entlassen. Sie lebte zurückgezogen in der Nähe von Wien.

Um die Frage beantworten zu können, wo sich die Gruft des Peter von Bohr im Kottingbrunner Friedhof befunden hat, konnte ich folgendes ermitteln.

Peter von Bohr kaufte das Gut Kottingbrunn im Jahre 1819. Bald danach, 1821, wurde der Friedhof von der Kirche zu der 1710 erbauten Schutzmantelkapelle - ein Votivbau der Grafen von Lamberg - verlegt. Bohr hat das dazu nötige Grundstück der Gemeinde geschenkt und in dem neuen Friedhof seine Familiengruft errichtet.

Um das Jahr 1860 hat der aus Berlin zugezogene August Lange die stillgelegte Bleiröhrenfabrik der Söhne des Peter von Bohr erworben und hat dort eine Eisengießerei eingerichtet. Es scheint aber ziemlich sicher, daß August Lange die Familiengruft des Peter von Bohr übernommen hat. Die Richtigkeit dieser Annahme kann vielleicht durch Öffnen der Gruft nachgewiesen werden. Falls August Lange die Gruft nicht räumen ließ, als er sie erworben hat, müßten sich dort mindestens sieben Särge befinden, also um einen mehr als auf der Grabtafel Namen angeführt sind.

Zusammenfassung:

Die Lebensgeschichte des Peter von Bohr wurde in mehreren Roman sehr unterschiedlich dargestellt. Nur der damalige Polizeikommissär und spätere Polizeipräsident von Wien, Max von Felsenthal, hat in seinem Buch "Der Banknotenfälscher Peter von Bohr" versucht, die Persönlichkeit und den Charakter dieses Mannes objektiv darzustellen. Doch auch Felsenthal sieht Bohr zu sehr mit den Augen des Polizeikommissärs. Daß Bohr oft hoch spekuliert und dabei viel gewonnen hat, aber letzten Endes doch alles verloren hat, war schließlich kein Verbrechen. Erst als es ihm schlecht ging, wurde er zum Fälscher, um seiner Frau ein Leben in Armut zu ersparen. Die im Jahre 1845 entdeckten falschen Geldscheine stellten einen Wert von 12.800 Gulden dar. Dem verursachten Schaden stand aber der gewaltige Nutzen gegenüber, den er mit seinen Erfindungen, seiner Förderung junger Talente und auch mit der Gründung zahlreicher Unternehmungen dem Staate gebracht hat. Es ist nicht Bohrs Schuld, daß sein Wirken in der damaligen Zeit verkannt und erst nach seinem Tode viele von ihm angeregten und gegründeten Unternehmungen große Erfolge wurden. Wenn der Polizeipräsident Max von Felsenthal in seinem Buch schreibt, daß unrecht Gut eben nicht gedeiht, muß man auf andere Erfinder (z.B. Josef Ressel oder Josef Madersperger) verweisen, deren Erfindungen bahnbrechend waren; dennoch mußten diese Erfinder ihr Leben in Armut fristen.
So sollte man Peter von Bohr nicht nur als Geldfälscher und Verbrecher sehen, sondern als Mann und Genie, der mit seinen Ideen und Schaffen seiner Zeit weit voraus war.